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Darf ich das überhaupt denken? Tabu-Gedanken, über die kaum eine frischgebackene Mama spricht

3. Sept.
7 Min. Lesezeit

„Ich liebe mein Baby. Aber ich vermisse mein altes Leben.“

„Ich hätte nie gedacht, dass Mama-Sein so anstrengend ist.“

„Ich fühle mich gar nicht wie diese glückliche Mama, die ich überall sehe.“

„Ich frage mich manchmal, ob ich dafür gemacht bin.“

„Ich wünsche mir einfach mal einen ganzen Tag ohne Verantwortung.“


Vielleicht kennst du einen dieser Gedanken. Und vielleicht hast du dich im selben Moment, in dem er aufgetaucht ist, schon dafür verurteilt. Wie kann ich nur so etwas denken? Mit mir stimmt etwas nicht. Andere genießen das doch auch. Ich müsste doch glücklich sein.

Gerade über diese Gedanken sprechen viele Mamas kaum. Nicht unbedingt, weil sie sie nicht haben, sondern weil sie Angst haben, was es über sie aussagen könnte, wenn sie sie laut aussprechen.


Dabei sind widersprüchliche Gefühle rund um die Geburt eines Kindes viel menschlicher, als uns das perfekte Bild von Mutterschaft manchmal glauben lässt.


Wenn das Baby da ist – und trotzdem nicht alles schön ist


Wir leben in einer Gesellschaft, in der Schwangerschaft und die erste Zeit mit Baby häufig sehr romantisch dargestellt werden. Da ist das Bild der glücklichen Mama, die ihr Baby liebevoll im Arm hält, während die Sonne durchs Fenster scheint. Alles wirkt ruhig, natürlich und erfüllt.


Was wir viel seltener sehen, sind die Nächte, in denen du zum fünften Mal aufstehst. Die Erschöpfung. Einen Körper, der sich plötzlich fremd anfühlt. Tränen, obwohl du doch eigentlich glücklich sein müsstest. Einsamkeit. Überforderung. Eine Beziehung, die sich durch das Baby völlig verändert. Freundschaften, die plötzlich anders werden.

Und irgendwo dazwischen diese leise, manchmal erschreckende Frage: Wer bin ich eigentlich jetzt noch?


Denn Mutterschaft verändert nicht nur deinen Alltag. Sie verändert oft auch dein Bild von dir selbst. Plötzlich bist du für einen kleinen Menschen verantwortlich. Dein Tagesablauf richtet sich nach seinen Bedürfnissen. Dinge, die früher selbstverständlich waren, müssen organisiert werden. Zeit für dich wird knapp. Und gleichzeitig erwarten viele Frauen von sich selbst, dass sie in dieser neuen Rolle sofort glücklich, geduldig und souverän funktionieren.

Aber Identitätsveränderungen fühlen sich fast nie so schön und geordnet an, wie wir es uns vorher vorstellen. Sie können sich chaotisch anfühlen. Überfordernd. Manchmal sogar wie ein Verlust. Als würde jemand dein bisheriges Leben einmal kräftig durchschütteln und danach von dir erwarten, dass du einfach weitermachst.


Du kannst dein Kind lieben UND dein altes Leben vermissen


Vielleicht ist das eine der wichtigsten Botschaften, die frischgebackene Mamas hören dürfen: Du musst dich nicht für eine Wahrheit entscheiden.


Du kannst dein Baby über alles lieben und trotzdem deine Freiheit vermissen. Du kannst dankbar sein und gleichzeitig erschöpft. Du kannst stolz auf dich sein und trotzdem manchmal denken: „Ich erkenne mich selbst nicht wieder.“ Du kannst dein neues Leben lieben und gleichzeitig um Teile deines alten Lebens trauern.

Das sind keine Widersprüche. Das ist Menschsein.

Vielleicht vermisst du die Frau, die spontan war. Die ausgeschlafen war. Die einfach ins Auto steigen konnte, ohne vorher eine Tasche für fünf Eventualitäten zu packen. Die in Ruhe duschen oder einen Kaffee trinken konnte. Die manchmal einfach einen ganzen Nachmittag hatte, der nur ihr gehörte.

Vielleicht vermisst du sogar eine Version deines Lebens, von der du früher gedacht hast, dass sie gar nicht besonders wichtig ist. Und trotzdem würdest du dein Kind niemals wieder hergeben. Beides darf wahr sein.


Man kann etwas unglaublich Schönes gewinnen und trotzdem etwas vermissen.


Du musst nicht automatisch in deine Mama-Rolle hineinwachsen


Über etwas anderes wird ebenfalls erstaunlich wenig gesprochen: Nicht jede Frau fühlt sich sofort wohl in ihrer neuen Rolle als Mama.

Das bedeutet nicht, dass sie ihr Kind nicht liebt. Es bedeutet auch nicht, dass sie eine schlechte Mutter ist.

Eine Rolle wächst nicht automatisch mit der Geburt des Kindes. Auch wenn dein Baby geboren wurde, wird die Mama in dir nicht automatisch mitgeboren. Du darfst in diese Rolle hineinwachsen – mit jeder Erfahrung, mit jedem Fehler, mit jedem Tag.

Vielleicht hast du dir vorgestellt, dass du stundenlang glücklich dein Baby ansiehst. Und stattdessen zählst du die Minuten bis zum nächsten Schlaf. Vielleicht dachtest du, ihr würdet jeden Tag wunderschöne Spaziergänge machen. Und stattdessen schaffst du es manchmal nicht einmal zu duschen. Vielleicht dachtest du, du würdest völlig in der Mutterrolle aufgehen. Und stattdessen fragst du dich, wann du dich selbst wiedererkennst.

Das bedeutet nicht, dass etwas falsch läuft. Es bedeutet, dass du gerade eine riesige Veränderung durchmachst. Und Entwicklung braucht Zeit.


Ein Gedanke ist kein Beweis dafür, dass du eine schlechte Mutter bist


Wenn du einen Gedanken hast wie „Ich kann nicht mehr“, bedeutet das nicht automatisch, dass du dein Kind nicht liebst. Wenn du traurig bist, bedeutet das nicht, dass du undankbar bist. Wenn du zweifelst, bedeutet das nicht, dass du versagst.

Ein Gefühl ist kein Beweis dafür, dass du eine schlechte Mutter bist. Und ein Gedanke ist keine Handlung.


Vielleicht hilft es deshalb, nicht sofort gegen deine Gefühle anzukämpfen, sondern sie einmal neugierig zu betrachten. Nicht: „Was stimmt nicht mit mir?“ Sondern: „Was möchte mir dieses Gefühl gerade sagen?“


Vielleicht sagt dir deine Erschöpfung: „Ich brauche Hilfe.“ Vielleicht sagt dir deine Wut: „Ich bin seit Tagen über meine Grenzen gegangen.“ Vielleicht sagt dir deine Traurigkeit: „Ich habe den Abschied von meinem alten Leben noch gar nicht richtig verarbeitet.“ Und vielleicht sagt dir dein Wunsch nach Freiheit: „Ich brauche wieder mehr von mir selbst.“

Gefühle sind nicht immer angenehm. Aber sie können wichtige Informationen darüber enthalten, was uns gerade fehlt.


Mutterschaft ist manchmal auch ein Abschied


Wenn wir über die Geburt eines Kindes sprechen, reden wir meistens über den Anfang. Ein neues Leben beginnt. Eine Familie entsteht. Ein Baby kommt zur Welt.

Was dabei oft untergeht: Für die Mutter endet gleichzeitig auch etwas.


Ein Leben, das es so nicht mehr geben wird. Die Zeit vor dem Baby. Die Selbstverständlichkeit, mit der du über deine Zeit verfügen konntest. Die Möglichkeit, spontan zu sein. Vielleicht auch bestimmte Vorstellungen davon, wer du sein würdest.

Und für diesen Abschied nehmen wir uns kaum Zeit.

Dabei darf Trauer existieren, auch wenn etwas Neues und Wunderschönes beginnt. Du darfst dein Kind lieben und trotzdem um dein altes Leben trauern. Du darfst glücklich über deine Familie sein und gleichzeitig manchmal denken: „Ich vermisse mich.“

Diese beiden Wahrheiten schließen einander nicht aus.


Wir müssen nicht so tun, als wäre alles leicht


Vielleicht wäre es an der Zeit, dass wir Frauen aufhören, uns gegenseitig vorzuspielen, wie leicht Mutterschaft ist.

Dass wir sagen dürfen: „Heute war einfach ein verdammt harter Tag.“ „Ich habe heute nur funktioniert.“ „Ich liebe mein Kind unendlich und sehne mich gleichzeitig nach einer Stunde ganz für mich.“ „Ich bin gerade überfordert.“ „Ich weiß selbst gerade nicht, was ich brauche.“

Denn genau dort entsteht echte Verbindung. Nicht in der perfekten Fassade, sondern in der Wahrheit.


Je ehrlicher wir miteinander werden, desto weniger muss eine Frau glauben, sie sei die Einzige, die solche Gedanken hat.

Und vielleicht ist genau das etwas, das viele Mamas brauchen: nicht noch einen weiteren Tipp, wie sie besser funktionieren können, sondern die Erlaubnis, ehrlich zu sein.


Du musst nicht alles an der Mutterschaft mögen


Und dann gibt es da noch eine andere Seite, über die wir erstaunlich wenig sprechen: Du musst nicht automatisch alles lieben, was dein Kind liebt.

Vielleicht magst du es nicht besonders, stundenlang zu spielen. Vielleicht findest du Basteln eher anstrengend als erfüllend. Vielleicht ist der Spielplatz für dich nicht der schönste Ort der Welt und du freust dich nicht jedes Mal darauf, dort eine Stunde lang im Sand zu sitzen oder dein Kind zum hundertsten Mal die Rutsche hinunterrutschen zu sehen.

Und trotzdem machst du es.


Du gehst mit deinem Kind auf den Spielplatz, weil es ihm Freude macht. Du bastelst mit ihm, obwohl du selbst viel lieber etwas anderes machen würdest. Du setzt dich zum Spielen auf den Boden, obwohl du gerade eigentlich keine Lust darauf hast.


Und weißt du was? Du musst das auch nicht mögen.


Du kannst dein Kind lieben, ohne dieselben Dinge zu lieben wie dein Kind. Du kannst dich darüber freuen, dass dein Kind Spaß hat, ohne selbst Spaß daran zu haben.

Auch hier haben viele Mamas ein schlechtes Gewissen. Weil irgendwo die Vorstellung entstanden ist, eine gute Mutter müsse all diese Dinge nicht nur für ihr Kind tun, sondern sie auch noch von Herzen genießen.


Aber du bist nicht verpflichtet, jede Aktivität deines Kindes toll zu finden.

Es bedeutet nicht, dass du lieblos bist. Es bedeutet nicht, dass du keine gute Mama bist. Es bedeutet einfach, dass die Interessen deines Kindes nicht automatisch deine eigenen Interessen sein müssen.


Du darfst dein Kind lieben und trotzdem denken: „Ich würde jetzt wirklich lieber etwas anderes machen.“ Mutterschaft bedeutet nicht, dass du deine eigene Persönlichkeit abgeben musst.


Du bist nicht nur Mama


Vielleicht geht es deshalb auch gar nicht darum, jeden Tag die perfekte Mama zu sein. Vielleicht geht es vielmehr darum, jeden Tag auch ein kleines Stück von dir selbst zu bewahren.

Vielleicht sind es zehn Minuten mit einem Buch. Ein Spaziergang allein. Ein Telefonat mit einer Freundin. Musik, die nichts mit Kinderliedern zu tun hat. Ein Kaffee, den du tatsächlich warm trinken kannst.

Es muss nichts Großes sein. Es geht um diese kleinen Momente, in denen du dich wieder daran erinnerst:


Ich bin nicht nur Mama. Ich bin immer noch ich.


Und dieses „Ich“ hat Bedürfnisse. Träume. Grenzen. Interessen. Wünsche.

Selbstfürsorge ist deshalb kein Luxus und auch kein Zeichen dafür, dass dir deine Familie weniger wichtig ist. Du bist ein Mensch – und Menschen brauchen Pausen, Verbindung, Freiheit und Raum für sich selbst.


Und wenn es mehr als normale Überforderung ist?


Gleichzeitig ist es wichtig, nicht alles unter „Das ist halt das Mama-Sein“ abzuhaken.

Wenn dunkle Gedanken über Wochen bleiben, du kaum noch Freude empfinden kannst, Hoffnungslosigkeit immer größer wird oder du das Gefühl hast, gar keine Verbindung mehr zu dir oder deinem Baby zu finden, dann hol dir bitte Unterstützung.

Nicht, weil du versagt hast.

Sondern weil du Unterstützung verdienst.

Psychische Belastungen nach der Geburt können ernst sein und brauchen manchmal professionelle Hilfe. Eine Wochenbettdepression oder andere psychische Belastungen nach der Geburt sind behandelbar. Du musst da nicht alleine durch.

Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen dafür, dass du dich selbst ernst nimmst.


Du darfst hineinwachsen


Vielleicht brauchst du genau jetzt diesen Satz:

Du musst nicht perfekt in deiner Mama-Rolle aufgehen.

Du musst dich nicht jeden Tag erfüllt fühlen. Du musst nicht sofort wissen, wer du jetzt bist.

Du darfst hineinwachsen.

In deinem Tempo. Auf deine Weise. Mit all deinen widersprüchlichen Gefühlen.

Du darfst dein Baby lieben. Du darfst dich selbst vermissen. Du darfst glücklich sein. Du darfst erschöpft sein. Du darfst dankbar sein. Du darfst traurig sein.

Du bist nicht entweder das eine oder das andere. Du bist alles davon.

Und vielleicht ist genau das eine der ehrlichsten Seiten von Mutterschaft.

Nicht, dass plötzlich alles perfekt ist.

Sondern dass du lernst, dich selbst auch inmitten all dieser Veränderungen nicht zu verlieren.

Denn du bist nicht nur die Mama deines Kindes.

Du bist auch die Frau, die du nicht vergessen solltest.

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