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Sie werden so schnell groß!

„Du hast nur 18 Sommer mit deinen Kindern.“

„Eines Tages wirst du diese Tage vermissen.“

„Genieße es. Sie werden so schnell groß.“


Man sieht und hört solche Sätze ständig. Von den Eltern, von Freunden. Von völlig Fremden Menschen. Auf Instagram. Meistens sind sie liebevoll gemeint. Sie wollen uns daran erinnern, dass Kindheit vergänglich ist. Dass wir innehalten sollen. Dass wir nicht alles als selbstverständlich betrachten sollten.


Und ja: Kinder werden groß. Viel schneller, als wir manchmal begreifen können. Aber ich frage mich aus psychologischer Sicht etwas anderes:


Was passiert eigentlich, wenn aus der Erinnerung daran, dass alles vergänglich ist, ein neuer Anspruch wird? Wenn aus „Genieße diese Zeit“ unbewusst ein „Du solltest diese Zeit genießen“ wird? Denn dann kann aus einem schönen Gedanken ganz schnell zusätzlicher Druck entstehen.


Du musst nicht jeden Moment genießen


Die Wahrheit ist: Manche Momente mit unseren Kindern sind wunderschön. Und manche sind einfach anstrengend. Manchmal sitzen wir neben unserem Kind und können kaum glauben, wie süß diese kleinen Hände sind. Und manchmal stehen wir zum dritten Mal in der Nacht auf und sind so müde, dass wir uns nur wünschen, endlich wieder schlafen zu dürfen. Manchmal lachen wir gemeinsam. Und manchmal schreit ein Kind, das andere braucht etwas, die Waschmaschine piepst, irgendwo liegt noch das Mittagessen vom Vortag und wir merken: Ich kann gerade einfach nicht mehr.


Das bedeutet nicht, dass wir unsere Kinder in schwierigen Momenten weniger lieben.

Es bedeutet, dass wir Menschen sind. Psychologisch betrachtet können zwei scheinbar widersprüchliche Gefühle gleichzeitig existieren: Ich liebe diese Zeit. UND sie ist gerade verdammt anstrengend. Beides darf wahr sein.


Wenn das Nervensystem auf Überleben geschaltet ist


Gerade in den ersten Jahren mit Kindern befinden sich viele Eltern über lange Zeit in einem Zustand hoher Belastung. Schlafmangel, ständige Unterbrechungen, Verantwortung, Geräusche, körperliche Nähe, emotionale Regulation des Kindes, Haushalt, Arbeit und die permanente Frage „Was braucht mein Kind als Nächstes?“ summieren sich. Unser Nervensystem bekommt kaum Gelegenheit, wirklich herunterzufahren. Und wenn wir überreizt oder erschöpft sind, verändert sich auch unsere Wahrnehmung. Dann sind wir nicht unbedingt in der Lage, einen Moment bewusst als „kostbar“ abzuspeichern. Das ist kein Charakterfehler. Unser Gehirn priorisiert in Belastungssituationen zunächst das, was gerade erledigt werden muss.


Das Kind muss gewickelt werden.

Das Essen muss auf den Tisch.

Der Streit muss beendet werden.

Das Baby muss beruhigt werden.

Wir müssen funktionieren.


Wir stehen mitten im Leben – wir betrachten es nicht von außen.

Und genau deshalb ist es so unfair, einer erschöpften Mutter zu sagen: „Genieß es, es geht so schnell vorbei.“ Vielleicht genießt sie es ja.

Nur gerade in diesem Moment nicht. Vielleicht versucht sie gerade einfach, durch den Tag zu kommen.


Und dann ist die Phase plötzlich vorbei


Und dann passiert etwas Eigenartiges.

Eines Tages braucht das Kind die Windel nicht mehr.

Es möchte nicht mehr auf dem Arm getragen werden.

Es schläft plötzlich durch.

Es möchte nicht mehr jeden Abend vorgelesen bekommen.

Es sagt nicht mehr bei jedem kleinen Wehwehchen „Mama“.

Das erste Fahrrad wird zu klein.

Die Schuhe werden aussortiert.

Das Lieblingsspielzeug verschwindet in einer Kiste.


Und manchmal trifft uns das völlig unerwartet. Wir stehen vielleicht vor einem kleinen Kleidungsstück und denken: „Das hat mein Kind wirklich einmal getragen?“

Oder wir hören eine alte Sprachnachricht und hören diese kleine Stimme.


Und plötzlich ist da diese Traurigkeit. Nicht unbedingt, weil die Gegenwart schlecht ist.

Sondern weil etwas unwiederbringlich vorbei ist.


Warum vermissen wir manchmal sogar Dinge, die uns damals genervt haben?


Hier kommt ein interessanter psychologischer Mechanismus ins Spiel. Unser Gehirn speichert Erlebnisse nicht wie eine Kamera. Erinnerungen werden immer wieder rekonstruiert.

Mit zeitlichem Abstand verändert sich deshalb auch unsere Wahrnehmung einer vergangenen Phase.


Wir erinnern uns nicht ausschließlich an den Schlafmangel.

Wir erinnern uns an das kleine Gesicht am Morgen.

Nicht nur an das ständige „Mama! Mama! Mama!“

Sondern auch daran, wie wichtig wir für diesen kleinen Menschen waren.

Nicht nur an die Wutanfälle.

Sondern an die kleinen Arme, die danach wieder um unseren Hals lagen.

Nicht nur an die Müdigkeit.

Sondern an eine Zeit, in der unser Kind noch ganz klein war.


Und dabei kann etwas entstehen, das sich fast wie Sehnsucht nach einer Zeit anfühlt, die wir damals gar nicht so schön erlebt haben. Das ist kein Widerspruch. Wir vermissen manchmal nicht die Belastung. Wir vermissen das, was in dieser Belastung ebenfalls enthalten war.


Die Nähe.

Die Abhängigkeit.

Die kleinen Hände.

Die Stimme.

Die Rituale.

Das Gefühl, gebraucht zu werden.

Die ganz besondere Version unseres Kindes, die es heute nicht mehr gibt.


Trauer gehört zur Elternschaft


Vielleicht sprechen wir viel zu wenig darüber, dass Elternschaft auch mit Abschied verbunden ist. Kinder wachsen nicht einfach nur. Sie lassen ständig kleine Versionen ihrer selbst zurück.


Das Baby wird zum Kleinkind.

Das Kleinkind wird zum Kindergartenkind.

Das Kindergartenkind wird zum Schulkind.

Und irgendwann steht ein junger Mensch vor uns, der uns vielleicht noch liebt und braucht – aber ganz anders als früher.


Jede Entwicklung ist gleichzeitig ein Gewinn und ein Abschied. Das ist psychologisch sehr bedeutsam. Wir freuen uns darüber, dass unser Kind selbstständiger wird. Und gleichzeitig kann genau diese Selbstständigkeit weh tun. Wir freuen uns über die ersten Schritte.

Und irgendwann vermissen wir die kleinen Füße, die wir überallhin getragen haben. Wir freuen uns über die ersten Worte. Und wir vermissen das niedliche Babygebrabbel. Das bedeutet nicht, dass wir uns unbedingt eine alte Version unseres Kindes zurückwünschen.

Es bedeutet, dass wir einen vergangenen Abschnitt betrauern dürfen.


Nostalgie ist nicht dasselbe wie Bedauern


Wenn wir später sagen: „Ach, ich würde diese Zeit so gerne noch einmal erleben.“

heißt das nicht automatisch: „Ich habe damals alles falsch gemacht.“ Nostalgie kann vielmehr entstehen, weil eine bestimmte Lebensphase emotional bedeutsam war.


Und manchmal sehen wir erst mit Abstand, was wir mitten darin nicht sehen konnten.

Das ist menschlich. Wir können einen Lebensabschnitt gleichzeitig als schön, schwer und zu kurz erleben. Vielleicht ist das sogar eine viel ehrlichere Beschreibung von Elternschaft als dieses ständige „Genieß es!“.


Denn auch der Satz „Du hast nur 18 Sommer“ kann Druck erzeugen


Stell dir eine Mutter vor, die gerade seit drei Nächten kaum geschlafen hat. Ihr Kind hat einen Wutanfall. Sie ist überreizt. Sie hat seit Stunden nichts gegessen. Und irgendwo in ihrem Kopf läuft zusätzlich: Ich sollte diesen Moment genießen. Irgendwann ist das vorbei.

Was passiert dann? Zum ursprünglichen Stress kommt ein zweiter hinzu: „Ich mache es gerade nicht richtig.“


Und genau das ist problematisch. Denn Gefühle lassen sich nicht auf Knopfdruck herstellen.

Man kann sich nicht befehlen, einen überfordernden Moment schön zu finden. Und man muss es auch nicht. Vielleicht ist die gesündere Haltung: „Ich muss diesen Moment nicht genießen. Ich darf ihn einfach erleben.“ Das nimmt enorm viel Druck heraus.


Du darfst genervt sein und trotzdem eine liebevolle Mutter sein


Es gibt eine romantisierte Vorstellung von Mutterschaft, in der wir irgendwann auf diese Jahre zurückblicken und sagen: „Es war alles so schön.“ Aber vielleicht wird die Wahrheit anders aussehen. Vielleicht werden wir sagen: „Es war wunderschön.“ Und: „Es war unglaublich anstrengend. „Ich war manchmal völlig überfordert.“ „Ich habe so viel geliebt.“ UND „Ich habe manchmal meine Ruhe gebraucht.“ „Ich habe Dinge nicht genug geschätzt.“ UND „Ich habe mein Bestes gegeben.“ UND „Ich würde manches gerne noch einmal erleben.“


All diese Sätze können gleichzeitig stimmen.


Vielleicht müssen wir gar nicht mehr genießen. Vielleicht müssen wir mehr wahrnehmen.


Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. Genießen ist ein Gefühl. Wahrnehmen ist eine Haltung. Du kannst einen schwierigen Tag haben und trotzdem für einen kurzen Moment feststellen: Ich liebe mein Kind über alles. Und dann geht dein Alltag wieder weiter. Du musst daraus keinen magischen Moment machen. Du musst nicht alles fotografieren. Du musst nicht permanent dankbar sein. Du musst nicht durchgehend glücklich sein. Du musst nicht jede Sekunde bewusst erleben. Aber manchmal reicht es, für einen Augenblick zu bemerken:

„Das ist gerade mein Leben.“


Und wenn du es nicht schätzen konntest?


Dann ist das kein Grund, dich später dafür zu verurteilen. Vielleicht wirst du irgendwann ein altes Kleidungsstück deines Kindes in der Hand halten und denken: "Warum habe ich damals nicht verstanden, wie klein sie war?"

Vielleicht wirst du ein altes Video anschauen und dich danach sehnen, diese kleine Stimme noch einmal zu hören. Dann darfst du traurig sein. Aber du musst daraus nicht die Geschichte machen, dass du diese Zeit „nicht genug genossen“ hast.


Denn du hast sie nicht verpasst.

Du hast in ihr gelebt.

Mit all ihrer Müdigkeit.

Mit ihren Wutanfällen.

Mit dem Chaos.

Mit den schönen Momenten.

Mit den Tagen, an denen du funktioniert hast.

Und mit den Tagen, an denen du ganz präsent warst.

Das Leben muss nicht ständig bewusst genossen werden, damit es wertvoll ist.


Vielleicht ist das die ehrlichere Botschaft


Nicht: „Du hast nur 18 Sommer. Genieße sie.“

Sondern: „Du hast diese Zeit nicht für immer. Du musst sie aber auch nicht perfekt erleben.“

Du darfst müde sein. Du darfst genervt sein. Du darfst dich nach einer Stunde alleine sehnen.

Du darfst dich manchmal nach deinem Leben vor den Kindern sehnen.


Und du darfst gleichzeitig wissen, dass du diese kleinen Menschen über alles liebst.

Du darfst mitten in einer anstrengenden Phase stehen und noch nicht wissen, dass du sie eines Tages vermissen wirst. Du musst das auch gar nicht wissen. Denn vielleicht besteht das Geheimnis nicht darin, jeden Moment zu genießen. Vielleicht besteht es darin, aufzuhören, uns dafür zu verurteilen, dass wir nicht jeden Moment genießen.


Und irgendwann, wenn die Kinder groß sind, werden wir wahrscheinlich nicht auf die perfekte Mutter zurückblicken. Sondern auf uns selbst. Auf eine Frau, die versucht hat, ihre Kinder zu lieben, während sie gleichzeitig müde war, überfordert, glücklich, genervt, berührt, ratlos und manchmal einfach nur froh, wenn endlich alle geschlafen haben.


Zum Abschluss möchte ich dir noch etwas mitgeben: Deine Kinder werden sich vermutlich nicht daran erinnern, ob du jeden Moment genossen hast oder jeden Moment perfekt gestalten wolltest. Sie werden sich daran erinnern, wie es sich angefühlt hat, mit dir aufzuwachsen. Dass sie sich geliebt, angenommen, sicher und zuhause gefühlt haben.


Ich wünsche dir, dass du deine Schuldgefühle ablegen kannst und dein Leben als "unperfekte" aber echte Mama in vollen Zügen genießen kannst! Alles Liebe dir!


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